Trauma
Trauma verstehen
Was der Begriff „Trauma“ bedeutet, in welchen Kontexten er verwendet wird, was ein psychisches Trauma ausmacht und wie sich das herkömmliche vom erweiterten Traumaverständnis unterscheidet.
Wortherkunft
Das Wort „Trauma“ stammt vom altgriechischen τραῦμα (traûma) und bedeutet „Verletzung“ oder „Wunde“. Ursprünglich nur für körperliche Schäden verwendet, bezeichnet es heute auch seelische Verwundungen – und macht deutlich, dass psychische Belastungen ebenso verletzend wirken können wie körperliche Ereignisse.
Sprachgebrauch
Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet „Trauma“ sowohl körperliche Verletzungen in der Medizin als auch seelische Verwundungen durch überwältigende oder bedrohlich erlebte Erfahrungen. Der Begriff verbindet damit Körper und Psyche und zeigt ihre enge Wechselwirkung.
Psychisches Trauma
Ein psychisches Trauma ist eine Verletzung durch extrem belastende und/oder lebensbedrohliche Ereignisse, die subjektiv als potenziell bedrohlich empfunden werden, ohne ausreichende Bewältigungsmöglichkeiten.
Traumaverständnis
Das erweiterte Traumaverständnis geht über klassische Traumata wie Unfälle oder Gewalt hinaus. Es integriert neurobiologische, entwicklungspsychologische und systemische Erkenntnisse und versteht Trauma auch als tiefgreifende, frühe oder generationenübergreifende Erfahrung.
Der Ursprung aller Krankheit liegt in erlebten Traumata.
Das herkömmliche Traumaverständnis
Nach der ICD-11, dem weltweit gültigen Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO), liegt ein traumatisches Ereignis dann vor, wenn eine Person einer extrem bedrohlichen oder entsetzlichen Situation ausgesetzt war, der sie kaum oder gar nicht entkommen konnte.
Ein solcher unverarbeiteter Schock kann die natürlichen Reaktionen unseres Nervensystems blockieren: Wir können weder kämpfen noch fliehen – wir sind wie erstarrt und der Situation ausgeliefert (no fight, no flight).
Wenn ein Erlebnis das Nervensystem überfordert hat und nicht ausreichend verarbeitet werden konnte, sprechen wir von einem Trauma. Es wirkt oft unbewusst weiter – und zeigt sich in körperlichen Symptomen, emotionalen Reaktionen oder zwischenmenschlichen Mustern, die nicht mehr zur aktuellen Lebensrealität passen, aber tief im Erleben verankert sind.
Äußeres Ereignis / Zufall
Ein Schocktrauma entstanden durch zufällige, unvorhersehbare Ereignisse, die nicht absichtlich durch Menschen verursacht wurden.
Einmalig - kurzfristig
Schwere Verkehrsunfälle
Berufsbedingte Traumata (z.B. Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte)
Katastrophen (z.B. Brand, Wirbelsturm, Explosionen)
Mehrfach - langfristig
Langanhaltende Naturkatastrophen (z.B. Erdbeben, Überschwemmungen)
Technische Katastrophen (z.B. Giftgasaustritt, großflächige Chemieunfälle)
Medizinisch bedingt
Akute lebensgefährliche Erkrankungen
Chronische lebensbedrohliche schwerste Erkrankungen (z.B. HIV/AIDS, Metastasierter Krebs, Schwere Herzinsuffizienz)
Menschliches Verhalten
Ein Schocktrauma entstanden durch vorsätzliche oder fahrlässige Handlungen (bzw. menschliches Versagen) eines anderen Menschen.
Einmalig - kurzfristig
Sexuelle Übergriffe
Körperliche Gewalt oder kriminelle Überfälle
Geiselnahme oder Bedrohung mit einer Waffe
Zeuge eines Mordes oder schweren Unfalls
Mehrfach - langfristig
Sexuelle/körperliche Gewalt bzw. Missbrauch (Kindheit oder Erwachsenenalter)
Kriegserleben
Geiselhaft, Folter, politische Inhaftierung
Langjährige häusliche GewaltMedizinisch bedingt
Behandlungsfehler (z.B. falsche Dosierung, Medikamentenverwechslung)
OP-Verletzungen (Verletzung benachbarter Strukturen)
Narkose-Komplikationen (z.B. Atemwegsverletzungen, fehlerhafte Intubation)
Jeder Mensch hat ein wahres, echtes, authentisches Selbst. Das Trauma ist die Trennung davon. Die Heilung ist die Wiederverbindung damit.
Ganzheitliche Betrachtungsweise
Das erweiterte Traumaverständnis
Das erweiterte Traumaverständnis berücksichtigt die vielen verschiedenen Arten und Ebenen von Traumatisierung, die über das herkömmliche/klassische Konzept wie Trauma z. B. nach schweren Unfällen oder Folter hinausgehen. Es bezieht neurobiologische, entwicklungspsychologische und systemische Erkenntnisse ein und versteht Trauma nicht nur als einzelnes Ereignis, sondern oft als tiefgreifende, frühe und/oder generationenübergreifende Erfahrung.
Pränatal
Frühe Prägungen im Mutterleib – z. B. durch mütterlichen Stress, Substanzkonsum, Gewalt, Unfälle oder ambivalente Gefühle gegenüber dem Kind.
Geburt
Traumata durch z.B. Kaiserschnitt, Einsatz von Zange oder Saugglocke beim Geburtsvorgang.
Entwicklung
Wiederholte, langanhaltende, oftmals subtile Störungen in der Kindheit, die das Nervensystem und die Selbstregulation beeinträchtigen.
Bindung
Traumatische Störungen in der frühen Bindung zwischen Kind und Bezugsperson(en) z.B. durch emotionale oder physische Abwesenheit von Eltern.
Transgenerational
Weitergabe von Traumata über mehrere Generationen – auch ohne direktes Erleben durch die Nachkommen.
Schock
Traumata nach z.B. Kriegserleben, Gewalt, Folter, Vergewaltigung, Katastrophen, Behandlungsfehlern, schweren Unfällen.
Unter Trauma versteht man nicht die schlimmen Dinge, die einem Menschen widerfahren sind, sondern das, was dadurch in ihm passiert.
Ein kollektives Thema
Trauma im Familiensystem
„Traumata sind ihrem Wesen nach unerträglich“, schreibt Bessel van der Kolk, ein niederländisch-US-amerikanischer Psychiater, Traumaforscher und Autor, – und bringt damit auf den Punkt, wie tiefgreifend und zerstörerisch traumatische Erfahrungen das Leben eines Menschen beeinflussen können. Doch Traumata betreffen nicht nur die unmittelbar Betroffenen. Ihr Schatten fällt oft weit über die einzelne Person hinaus und beeinflusst auch jene, die ihnen nahe stehen – Partner, Kinder, ganze Familienstrukturen.
Ein besonders bedeutsamer Aspekt ist dabei das transgenerationale Trauma. Studien zeigen, dass unverarbeitete traumatische Erfahrungen von Eltern – sei es durch Krieg, Gewalt, Vernachlässigung oder Flucht – an die nächsten Generationen „vererbt“ werden können, sowohl auf biologischer als auch auf emotionaler Ebene. Entwicklungstraumata, die in früher Kindheit durch fehlende emotionale Sicherheit entstehen, wirken sich nicht nur auf die betroffene Person selbst aus, sondern werden häufig – meist unbewusst – an die eigenen Kinder weitergegeben.
So zeigt sich zum Beispiel, dass Frauen, deren Partner unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, überdurchschnittlich häufig Symptome von Depressionen oder Angststörungen entwickeln. In der Folge wachsen Kinder in einem emotional instabilen, oft unberechenbaren Umfeld auf. Kinder depressiver Mütter – so belegen zahlreiche psychologische Studien – entwickeln sich oft zu unsicheren, ängstlichen Erwachsenen, die wiederum ein erhöhtes Risiko tragen, selbst an psychischen Störungen zu erkranken.
Diese Dynamik macht deutlich: Trauma ist kein individuelles Problem – es ist ein kollektives, generationenübergreifendes Thema. Die Auseinandersetzung damit erfordert nicht nur eine therapeutische Begleitung der Betroffenen, sondern auch ein gesellschaftliches Bewusstsein für die komplexen Auswirkungen psychischer Verletzungen.
The essence of trauma is a disconnection from the self. Therefore, the essence of healing is not just from the past but a reconnection to yourself in the present.
Entwicklungstrauma
Trauma trotz liebevoller Familie?
Auch wenn du in einer liebevollen Umgebung aufgewachsen bist – viele scheinbar banale Erfahrungen können traumatisierende Wirkung haben –, insbesondere, wenn sie in sensiblen Entwicklungsphasen geschehen und kein unterstützendes Umfeld vorhanden war.
Dr. Gabor Maté, ein ungarisch-kanadischer Arzt, Autor und Traumaexperte, spricht in diesem Zusammenhang häufig von – Entwicklungstrauma – oder – Verlust der Authentizität zugunsten von Bindung -, was sich langfristig wie ein unsichtbares Trauma auf die ganze Persönlichkeit auswirkt.
Auch Dr. Francine Shapiro, die Entwicklerin der EMDR-Therapie, betont: Erfahrungen, die wir machen – besonders die, die emotional nicht verarbeitet werden konnten – werden in unserem neuronalen Gedächtnisnetzwerk gespeichert. Sie beeinflussen unbewusst, wie wir als Erwachsene die Welt wahrnehmen, auf Stress reagieren und Beziehung gestalten. So kann es sein, dass selbst in unterstützendesten, liebevollsten Familien Kinder mit unverarbeiteten Erinnerungen zurückbleiben.
The experiences we encountered became encoded in our memory networks and are the basis of how we perceive the world as adults. And even the most supportive families can still leave children with unprocessed memories.
Was Trauma mit dir macht
Wie beeinflusst mich ein Trauma?
Ein psychisches Trauma ist eine Wunde – unsichtbar, aber tiefgreifend. Es macht dich innerlich hart und schränkt deine Fähigkeit ein, zu wachsen, dich weiterzuentwickeln und im Flow deines Lebens zu bleiben.
Der Schmerz dieser Wunde beeinflusst dein Verhalten – oft unbewusst. Du handelst nicht mehr aus Freiheit, sondern aus Schmerz. Aus Angst. Und so wird dein Leben, ohne dass du es merkst, von genau diesen Gefühlen gesteuert – von dem Versuch, ihnen zu entkommen oder sie zu vermeiden.
Trauma ist nicht das Ereignis selbst. Es ist das, was in deinem Inneren geschieht als Reaktion auf das, was du erlebt hast. Es ist eine Art innere Narbenbildung – sie macht dich starrer, weniger flexibel, weniger fühlend. Du beginnst, dich zu schützen. Und dieser Schutzmechanismus wird zu deiner Lebensweise.
Doch: Trauma muss nicht das letzte Wort haben. Mit EMDR-Coaching kannst du diese alten Wunden auf sanfte Weise verarbeiten und Schritt für Schritt zurück in deine Lebendigkeit, Klarheit und Handlungsfreiheit finden.
Trauma ist die unsichtbare Kraft, die unser Leben prägt. Es prägt die Art und Weise, wie wir leben, wie wir lieben und wie wir der Welt einen Sinn geben. Es ist die Auswirkung unserer tiefsten Wunden.
